Kündigung wegen Langzeiterkrankung

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Kurz erklärt Eine Kündigung wegen Langzeiterkrankung ist eine personenbedingte Kündigung, weil Du lange arbeitsunfähig bist und Deine Rückkehr ungewiss ist. Gilt das Kündigungsschutzgesetz, muss sie nach § 1 Abs. 2 KSchG sozial gerechtfertigt sein. Ohne betriebliches Eingliederungsmanagement nach § 167 Abs. 2 SGB IX trägt der Arbeitgeber vor Gericht eine erhöhte Darlegungslast.

Erschöpfte Person verlässt ein Bürogebäude mit einer Kiste, ein Bild zur Kündigung wegen Langzeiterkrankung
Inhalt 4 Abschnitte

Ist eine Kündigung wegen Langzeiterkrankung erlaubt, solange Du krank bist?

Ja. Eine Krankschreibung schützt nicht vor dem Zugang einer Kündigung, das zeigt der Eintrag Kündigung während der Krankschreibung. Das Kündigungsschutzgesetz greift, wenn Dein Arbeitsverhältnis länger als sechs Monate besteht (§ 1 Abs. 1 KSchG) und im Betrieb in der Regel mehr als zehn Arbeitnehmer beschäftigt sind. Hat Dein Arbeitsverhältnis vor dem 01.01.2004 begonnen, kann die alte Schwelle von mehr als fünf Arbeitnehmern gelten (§ 23 Abs. 1 Satz 2 und 3 KSchG).

Im Anwendungsbereich des Kündigungsschutzgesetzes ist die lange Krankheit ein Fall der personenbedingten Kündigung (§ 1 Abs. 2 KSchG). Die Tatsachen, die die Kündigung tragen, muss der Arbeitgeber beweisen (§ 1 Abs. 2 Satz 4 KSchG). Bist Du schwerbehindert oder gleichgestellt, braucht er nach sechs Monaten Beschäftigung außerdem die Zustimmung des Integrationsamts, siehe Kündigungsschutz bei Schwerbehinderung.

Prüfen Arbeitsgerichte eine Kündigung wegen Langzeiterkrankung nach einem festen Schema?

Das Bundesarbeitsgericht prüft die krankheitsbedingte Kündigung in drei Stufen (BAG, Urteil vom 20.11.2014, 2 AZR 755/13):

  1. Negative Prognose: Im Zeitpunkt der Kündigung müssen objektive Tatsachen weitere Erkrankungen im bisherigen Umfang befürchten lassen. Bei langer Krankheit geht es darum, ob und wann Du wieder arbeiten kannst.
  2. Erhebliche Beeinträchtigung betrieblicher Interessen: Die erwarteten Ausfälle müssen den Betrieb spürbar belasten, etwa organisatorisch oder durch Kosten.
  3. Interessenabwägung: Zuletzt wird geprüft, ob der Arbeitgeber die Belastung trotzdem hinnehmen muss.

Bei einer Kündigung wegen Langzeiterkrankung kommt die Verhältnismäßigkeit hinzu. Die Kündigung ist unwirksam, wenn ein milderes Mittel genügt, zum Beispiel ein anderer, leidensgerechter Arbeitsplatz (§ 1 Abs. 2 Satz 2 und 3 KSchG).

Warum ist das betriebliche Eingliederungsmanagement so wichtig?

Bist Du innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen arbeitsunfähig, muss der Arbeitgeber mit Deiner Zustimmung klären, wie die Arbeitsunfähigkeit überwunden werden kann (§ 167 Abs. 2 SGB IX). Das ist das betriebliche Eingliederungsmanagement. Die Initiative liegt beim Arbeitgeber, und er muss Dich vorher über Ziele und Datenverwendung informieren.

Ein fehlendes BEM macht eine Kündigung wegen Langzeiterkrankung nicht automatisch unwirksam. Der Arbeitgeber muss dann aber darlegen, dass auch ein BEM und Leistungen der Rehabilitationsträger die Fehlzeiten nicht verhindert hätten (BAG, 2 AZR 755/13). Wie streng das ist, zeigt BAG, Urteil vom 15.12.2022, 2 AZR 162/22: Eine seit Dezember 2014 durchgehend erkrankte, schwerbehinderten Menschen gleichgestellte Sachbearbeiterin gewann ihre Klage. Die Zustimmung des Integrationsamts begründet keine Vermutung, dass ein unterbliebenes BEM nutzlos gewesen wäre.

Was gilt für Lohn und Krankengeld?

Die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall läuft bis zu sechs Wochen (§ 3 Abs. 1 EntgFG). Kündigt der Arbeitgeber aus Anlass der Krankheit, endet dieser Anspruch nicht mit dem Arbeitsverhältnis (§ 8 Abs. 1 EntgFG). Danach zahlt die Krankenkasse Krankengeld, wegen derselben Krankheit für höchstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren (§ 48 Abs. 1 SGB V).

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Kündigung ist auch während der Krankschreibung möglich; ob sie wirksam ist, richtet sich bei Geltung des KSchG nach § 1 Abs. 2 KSchG.
  • Das BAG prüft in drei Stufen: negative Prognose, erhebliche Beeinträchtigung betrieblicher Interessen, Interessenabwägung (2 AZR 755/13).
  • Ab mehr als sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit in einem Jahr ist ein BEM nach § 167 Abs. 2 SGB IX anzubieten; fehlt es, steigt die Darlegungslast des Arbeitgebers.
  • Die Zustimmung des Integrationsamts ersetzt kein BEM (BAG, 15.12.2022, 2 AZR 162/22).
  • Gegen die Kündigung musst Du innerhalb von drei Wochen nach Zugang der schriftlichen Kündigung klagen (§ 4 Satz 1 KSchG).

Häufige Fragen (11)

Ab wann ist eine Kündigung wegen Langzeiterkrankung zulässig?

Eine feste Zahl an Krankheitstagen nennt das Gesetz nicht. Entscheidend ist die Prognose zum Zeitpunkt der Kündigung: Ist offen, ob und wann Du zurückkommst, und belastet das den Betrieb erheblich, kann eine Kündigung sozial gerechtfertigt sein. Ein Anhaltspunkt für den Zeitpunkt ist § 167 Abs. 2 SGB IX: Ab mehr als sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit im Jahr ist zunächst ein BEM anzubieten.

Kann man während einer Krankschreibung gekündigt werden?

Die Krankschreibung hindert den Zugang einer Kündigung nicht. Die Kündigung muss aber die gleichen Anforderungen erfüllen wie sonst auch, also Schriftform nach § 623 BGB und bei Geltung des KSchG einen rechtfertigenden Grund. Gegen sie läuft ab Zugang die Klagefrist von drei Wochen (§ 4 Satz 1 KSchG), auch wenn Du im Bett liegst.

Ist eine fristlose Kündigung wegen Krankheit möglich?

In aller Regel nicht. Krankheit ist kein Fehlverhalten. Als wichtiger Grund nach § 626 Abs. 1 BGB kommt sie nur ausnahmsweise in Betracht, etwa wenn die ordentliche Kündigung tariflich ausgeschlossen ist. Ob ein solcher Ausnahmefall vorliegt, hängt vom Einzelfall ab. Anders kann es bei vorgetäuschter Krankheit oder beharrlichen Verstößen gegen die Pflicht zur Krankmeldung liegen, dann geht es um Dein Verhalten.

Bekommt man eine Abfindung bei Kündigung wegen Krankheit?

Auf eine Abfindung bei Kündigung wegen Langzeiterkrankung gibt es in der Regel keinen gesetzlichen Anspruch. Eine Abfindung kann sich aus einem Vergleich ergeben im Kündigungsschutzprozess, etwa wenn der Arbeitgeber Zweifel an der Wirksamkeit seiner Kündigung hat. Bei betriebsbedingten Kündigungen kennt § 1a KSchG ein Abfindungsangebot, für die krankheitsbedingte Kündigung nicht. Mehr dazu unter Kündigung wegen Krankheit: Abfindung.

Was passiert mit dem Resturlaub bei einer Kündigung wegen Langzeiterkrankung?

Gesetzlicher Urlaub, den Du wegen der Krankheit nicht nehmen konntest, verfällt bei durchgehender Arbeitsunfähigkeit in der Regel erst 15 Monate nach Ende des Urlaubsjahres (BAG, 9 AZR 353/10). Endet das Arbeitsverhältnis vorher, ist der offene Urlaub nach § 7 Abs. 4 BUrlG in Geld abzugelten. Es lohnt, die Abgeltung zeitnah geltend zu machen. Hast Du im Urlaubsjahr noch gearbeitet, verfällt der Urlaub nur, wenn der Arbeitgeber Dich rechtzeitig auf Anspruch und Verfall hingewiesen hat (BAG, 20.12.2022, 9 AZR 245/19).

Muss der Arbeitgeber vor einer Kündigung wegen Langzeiterkrankung ein BEM anbieten?

Er muss es, wenn Du innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig warst (§ 167 Abs. 2 SGB IX). Die Initiative liegt bei ihm (BAG, 2 AZR 755/13). Lässt er es weg, ist die Kündigung nicht automatisch unwirksam. Er muss vor Gericht dann aber genau darlegen, warum auch ein BEM die Kündigung nicht hätte verhindern können.

Kann ich ein BEM ablehnen?

Das BEM findet nur mit Deiner Zustimmung statt (§ 167 Abs. 2 Satz 1 SGB IX). Eine Ablehnung ist kein Kündigungsgrund. Sie kann aber prozessual Folgen haben: Hat der Arbeitgeber Dich ordnungsgemäß eingeladen und informiert, kann er sich später leichter darauf berufen, dass er alle milderen Mittel angeboten hat. Ob eine Teilnahme sinnvoll ist, hängt vom Einzelfall ab.

Wie lange bekommt man Geld bei Langzeitkrankheit?

Zuerst zahlt der Arbeitgeber bis zu sechs Wochen Entgeltfortzahlung (§ 3 Abs. 1 EntgFG). Danach bekommen gesetzlich Versicherte Krankengeld, wegen derselben Krankheit höchstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren (§ 48 Abs. 1 SGB V). Die Wochen der Entgeltfortzahlung zählen dabei mit, weil das Krankengeld in dieser Zeit ruht (§ 49 Abs. 1 Nr. 1, § 48 Abs. 3 SGB V).

Bekommt man nach einer Kündigung wegen Krankheit Arbeitslosengeld?

Eine Sperrzeit nach § 159 SGB III droht bei einer Arbeitgeberkündigung wegen Krankheit in der Regel nicht, weil kein arbeitsvertragswidriges Verhalten vorliegt. Arbeitslosengeld setzt aber voraus, dass Du der Vermittlung zur Verfügung stehst. Bist Du weiter arbeitsunfähig, kommt zunächst Krankengeld in Betracht. Arbeitsuchend melden musst Du Dich trotzdem: drei Monate vor dem Ende oder, wenn die Zeit kürzer ist, innerhalb von drei Tagen nach Kenntnis (§ 38 Abs. 1 SGB III).

Gilt bei Schwerbehinderung ein besonderer Schutz?

Ja. Die Kündigung eines schwerbehinderten oder gleichgestellten Menschen braucht in der Regel die vorherige Zustimmung des Integrationsamts (§ 168 SGB IX); in den ersten sechs Monaten gilt das nach § 173 Abs. 1 SGB IX nicht. Diese Zustimmung sagt aber nichts darüber, ob die Kündigung sozial gerechtfertigt ist. Das Bundesarbeitsgericht hat klargestellt, dass sie kein fehlendes BEM ausgleicht (Urteil vom 15.12.2022, 2 AZR 162/22). Das Arbeitsgericht prüft beides getrennt.

Was kann ich gegen eine Kündigung wegen Langzeiterkrankung tun?

Gegen die Kündigung hilft nur die Kündigungsschutzklage beim Arbeitsgericht innerhalb von drei Wochen nach Zugang der schriftlichen Kündigung (§ 4 Satz 1 KSchG). Versäumst Du die Frist, gilt die Kündigung als wirksam (§ 7 KSchG). Hilfreich sind ärztliche Unterlagen zur Prognose und Hinweise auf andere Arbeitsplätze. Eine Prüfung im Einzelfall zeigt, wo die Kündigung angreifbar ist.

Quellen

  1. § 1 KSchG Sozial ungerechtfertigte Kündigungen
    GesetzBundesministerium der Justiz · abgerufen am 27.10.2026
  2. § 167 SGB IX Prävention, betriebliches Eingliederungsmanagement
    GesetzBundesministerium der Justiz · abgerufen am 27.10.2026
  3. BAG, Urteil vom 20.11.2014, 2 AZR 755/13 (bEM, Darlegungslast)
    UrteilBundesarbeitsgericht · abgerufen am 27.10.2026
  4. BAG, Urteil vom 20.12.2022, 9 AZR 245/19 (Urlaubsverfall bei Langzeiterkrankung)
    UrteilBundesarbeitsgericht · abgerufen am 27.10.2026
  5. § 48 SGB V Dauer des Krankengeldes
    GesetzBundesministerium der Justiz · abgerufen am 27.10.2026

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