Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit

  • Zuletzt aktualisiert:
  • 3 Min. Lesezeit

Kurz erklärt Eine Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit spricht der Arbeitgeber aus, wenn er Dir vorwirft, eine Arbeitsunfähigkeit nur vorgespielt zu haben. Meist kündigt er fristlos nach § 626 BGB, oft hilfsweise ordentlich. Die fristlose Kündigung muss er binnen zwei Wochen ab Kenntnis erklären. Du hast ab Zugang drei Wochen Zeit für die Kündigungsschutzklage nach § 4 KSchG.

Mitarbeiter verlässt mit einem Karton Büroräume, im Kontext einer Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit
Inhalt 4 Abschnitte

Rechtfertigt Krankfeiern die Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit fristlos?

Krankfeiern kann ein Grund für die Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit sein. Wer sich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erschleicht, verletzt seine Pflichten aus dem Arbeitsvertrag erheblich. Das Bundesarbeitsgericht sieht darin einen möglichen wichtigen Grund nach § 626 Abs. 1 BGB (BAG, Urteil vom 29.06.2017, 2 AZR 597/16, Rn. 16). Lässt sich jemand dafür auch noch Entgeltfortzahlung zahlen, begeht er nach dem BAG regelmäßig einen Betrug zulasten des Arbeitgebers.

Im BAG-Fall soll ein Krankgeschriebener für die Firma seiner Söhne gearbeitet haben. Wegen der Konkurrenztätigkeit kann das auch nach Ende der Lohnfortzahlung eine Kündigung tragen; das BAG verwies die Sache zurück.

Automatisch wirksam ist die fristlose Kündigung nicht, das Gericht wägt alle Umstände ab. Auch ein dringender, auf Tatsachen gestützter Verdacht kann genügen (Rn. 17), siehe Verdachtskündigung.

Wann verliert die Krankschreibung ihren Beweiswert?

Die ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hat einen hohen Beweiswert. Der Arbeitgeber kann ihn nur mit konkreten Umständen erschüttern, die ernsthafte Zweifel begründen.

Typisch ist der zeitliche Zusammenhang mit einer Kündigung. Kündigt eine Arbeitnehmerin selbst und ist sie ab diesem Tag passgenau bis zum Ende der Kündigungsfrist krankgeschrieben, kann das den Beweiswert erschüttern (BAG, 08.09.2021, 5 AZR 149/21). Nach einer Arbeitgeberkündigung gilt Ähnliches (5 AZR 137/23 vom 13.12.2023), siehe Beweiswert der AU nach Kündigung.

Diese Urteile betreffen den Lohn. Den Kündigungsgrund muss dagegen der Arbeitgeber beweisen, für die ordentliche Kündigung steht das in § 1 Abs. 2 Satz 4 KSchG.

Darf der Arbeitgeber Dich von einem Detektiv beobachten lassen?

Nur in engen Grenzen. Dokumentiert eine Detektei Deinen sichtbaren Gesundheitszustand, verarbeitet der Arbeitgeber Gesundheitsdaten im Sinne der DSGVO. Das ist nur erlaubt, wenn der Beweiswert der Bescheinigung erschüttert ist und eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkasse (§ 275 Abs. 1a SGB V) nicht möglich ist oder nichts klären würde (BAG, Urteil vom 25.07.2024, 8 AZR 225/23). Im entschiedenen Fall musste der Arbeitgeber 1.500 Euro Schadensersatz nach Art. 82 DSGVO zahlen.

Wer krankgeschrieben einer anderen Arbeit nachgeht, liefert dagegen selbst Anhaltspunkte, siehe arbeitsunfähig und Nebenjob.

Wie wehrst Du Dich gegen die Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit?

Die Frist gegen die Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit ist kurz. Nach § 4 KSchG musst Du innerhalb von drei Wochen nach Zugang der schriftlichen Kündigung Kündigungsschutzklage erheben, in Hamburg beim Arbeitsgericht Hamburg. Versäumst Du sie, gilt die Kündigung nach § 7 KSchG als wirksam, wenn das Gericht die Klage nicht nachträglich zulässt.

Prüfenswert sind die Zwei-Wochen-Frist des § 626 Abs. 2 BGB, die Anhörung des Betriebsrats (§ 102 Abs. 1 BetrVG) und ob Fotos oder Detektivberichte rechtmäßig gewonnen wurden.

Eine Kündigung wegen arbeitsvertragswidrigen Verhaltens kann außerdem eine Sperrzeit beim Arbeitslosengeld nach § 159 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB III auslösen. Sie dauert regulär zwölf Wochen, in den Fällen des § 159 Abs. 3 SGB III kürzer.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Erschleichen einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kann ein wichtiger Grund nach § 626 Abs. 1 BGB sein (BAG 2 AZR 597/16).
  • Die fristlose Kündigung muss innerhalb von 2 Wochen ab Kenntnis der maßgebenden Tatsachen erklärt werden (§ 626 Abs. 2 BGB).
  • Eine passgenau zur Kündigungsfrist ausgestellte Krankschreibung kann ihren Beweiswert verlieren (BAG 5 AZR 149/21 und 5 AZR 137/23).
  • Eine Detektiv-Überwachung Kranker ist nur zulässig, wenn der Beweiswert erschüttert ist und der Medizinische Dienst nicht weiterhilft (BAG 8 AZR 225/23).
  • Gegen die Kündigung bleiben 3 Wochen ab Zugang der schriftlichen Kündigung für die Klage (§ 4 KSchG).

Häufige Fragen (10)

Was bedeutet Krankfeiern?

Krankfeiern ist der umgangssprachliche Ausdruck dafür, der Arbeit unter dem Vorwand einer Krankheit fernzubleiben, obwohl man arbeiten könnte. Juristisch geht es um eine vorgetäuschte Arbeitsunfähigkeit. Einen Anspruch auf Entgeltfortzahlung gibt es dann nicht, weil § 3 Abs. 1 EntgFG eine tatsächliche Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit voraussetzt. Wer wirklich krank ist und sich zu Hause auskuriert, feiert dagegen nicht krank, auch wenn der Arbeitgeber das anders sieht.

Was kann der Arbeitgeber bei Verdacht auf Krankfeiern tun?

Er kann von der Krankenkasse verlangen, dass der Medizinische Dienst die Arbeitsunfähigkeit begutachtet (§ 275 Abs. 1a Satz 3 SGB V). Das Gesetz nennt als Anlass für Zweifel etwa auffällig häufige Kurzerkrankungen oder Krankmeldungen, die oft am Anfang oder Ende einer Woche beginnen. Behält er den Lohn ein, muss er im Streitfall Umstände darlegen, die den Beweiswert der Bescheinigung erschüttern. Eine Detektei darf er nur unter den engen Voraussetzungen des BAG-Urteils 8 AZR 225/23 einsetzen.

Reicht ein bloßer Verdacht für eine Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit?

Für eine Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit reicht ein vager Verdacht nicht. Das Bundesarbeitsgericht lässt aber den dringenden, auf objektive Tatsachen gestützten Verdacht einer schwerwiegenden Pflichtverletzung als wichtigen Grund genügen (BAG 2 AZR 597/16, Rn. 17). Gerüchte aus dem Kollegenkreis oder ein ungutes Gefühl erfüllen das nicht. Der Arbeitgeber muss Tatsachen vortragen, etwa widersprüchliches Verhalten während der Krankschreibung. Ob der Verdacht dringend genug ist, entscheidet das Arbeitsgericht im Einzelfall.

Muss der Arbeitgeber bei einer Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit beweisen, dass ich nicht krank war?

Im Kündigungsschutzprozess trägt der Arbeitgeber die Beweislast für den Kündigungsgrund, bei der ordentlichen Kündigung ausdrücklich nach § 1 Abs. 2 Satz 4 KSchG. Er muss also Tatsachen vorbringen, die gegen eine echte Erkrankung sprechen. Beim Streit um den Lohn verschiebt sich die Last, sobald der Beweiswert der Bescheinigung erschüttert ist. Dann musst Du Beschwerden, Einschränkungen und ärztliche Verordnungen zumindest laienhaft schildern (BAG 5 AZR 149/21).

Bekomme ich nach einer Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit Arbeitslosengeld?

Arbeitslosengeld gibt es, aber oft nicht sofort. Hat Dein arbeitsvertragswidriges Verhalten Anlass für die Kündigung gegeben, kann die Agentur für Arbeit eine Sperrzeit nach § 159 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB III verhängen. Sie dauert regulär zwölf Wochen und verkürzt sich nur in den Fällen des § 159 Abs. 3 SGB III. Gewinnst Du den Kündigungsschutzprozess oder endet er mit einem Vergleich, kann sich die Lage ändern. Melde Dich trotzdem rechtzeitig arbeitsuchend.

Darf der Arbeitgeber meinen Arzt anrufen?

Anrufen darf er, eine Auskunft bekommt er aber nicht. Ärztinnen und Ärzte unterliegen der Schweigepflicht, ihr Bruch ist nach § 203 Abs. 1 Nr. 1 StGB strafbar. Ohne Deine Entbindung darf die Praxis weder Diagnose noch Einschätzung weitergeben. Auch Du selbst musst die Diagnose nicht nennen. § 5 Abs. 1 EntgFG verlangt nur, dass Du die Arbeitsunfähigkeit und ihre voraussichtliche Dauer unverzüglich mitteilst.

Wie lange hat der Arbeitgeber Zeit für die fristlose Kündigung?

Zwei Wochen. Nach § 626 Abs. 2 BGB beginnt die Frist in dem Moment, in dem der Kündigungsberechtigte die für die Kündigung maßgebenden Tatsachen kennt. Kündigt er später, ist die fristlose Kündigung schon deshalb unwirksam; eine hilfsweise ordentliche Kündigung kann dann noch greifen. Auf Dein Verlangen muss der Arbeitgeber Dir den Kündigungsgrund außerdem unverzüglich schriftlich mitteilen, so steht es in § 626 Abs. 2 Satz 3 BGB.

Ist eine Kündigung wegen vorgetäuschter Krankheit auch ordentlich möglich?

Das ist möglich und kommt häufig als hilfsweise Kündigung neben der fristlosen vor. Es handelt sich dann um eine verhaltensbedingte Kündigung, die nach § 1 Abs. 2 KSchG sozial gerechtfertigt sein muss, sofern das Kündigungsschutzgesetz gilt. Das setzt mehr als sechs Monate Beschäftigung und einen Betrieb mit mehr als zehn Arbeitnehmern voraus, für Altfälle gilt eine niedrigere Schwelle (§ 23 Abs. 1 KSchG). Die Kündigungsfrist läuft dann normal weiter.

Was gilt, wenn ich während der Krankschreibung woanders arbeite?

Das ist riskant. Arbeitest Du krankgeschrieben für einen Konkurrenten, ist das nach dem Bundesarbeitsgericht schon für sich eine schwerwiegende Pflichtverletzung, selbst wenn Du tatsächlich arbeitsunfähig warst (BAG 2 AZR 597/16). Andere Tätigkeiten können Zweifel an der bescheinigten Arbeitsunfähigkeit wecken, vor allem wenn sie körperlich ähnlich fordernd sind wie Dein eigentlicher Job. Ob das eine Kündigung trägt, hängt von der Art der Erkrankung und der Tätigkeit ab.

Wer zahlt die Kosten, wenn ich gegen die Kündigung klage?

In der ersten Instanz vor dem Arbeitsgericht trägt jede Seite ihre Anwaltskosten selbst, auch wenn sie gewinnt. Das regelt § 12a Abs. 1 ArbGG. Die Gerichtskosten richten sich nach dem Ausgang, bei einem Vergleich fallen sie häufig geringer aus. Eine Rechtsschutzversicherung mit Arbeitsrechtsbaustein übernimmt die eigenen Anwaltskosten, wenn der Versicherungsfall gedeckt ist. Ohne Versicherung kommt Prozesskostenhilfe in Betracht, wenn Dein Einkommen gering ist.

Quellen

  1. § 626 BGB Fristlose Kündigung aus wichtigem Grund
    GesetzBundesministerium der Justiz · abgerufen am 27.10.2026
  2. BAG, Urteil vom 08.09.2021, 5 AZR 149/21 (Beweiswert der AU bei Eigenkündigung)
    UrteilBundesarbeitsgericht · abgerufen am 27.10.2026
  3. § 4 KSchG Anrufung des Arbeitsgerichts
    GesetzBundesministerium der Justiz · abgerufen am 27.10.2026

Redaktion

Redaktion Kanzlei CleverLaw

Redaktion Rechtslexikon

Zur Redaktionsrichtlinie

Weitere Begriffe in Kündigung

Kostenlose Fallprüfung

Schildere uns Deinen Fall. Wir prüfen kostenlos und unverbindlich, welche Möglichkeiten Du hast.