Annahmeverzugslohn
Kurz erklärt Annahmeverzugslohn ist das Gehalt, das der Arbeitgeber schuldet, obwohl Du nicht gearbeitet hast, weil er Deine Arbeit nicht angenommen hat. Grundlage ist § 615 BGB, typisch nach einer unwirksamen Kündigung oder einseitigen Freistellung. Anzurechnen sind anderer Verdienst, Sozialleistungen und böswillig unterlassener Erwerb nach § 11 KSchG.

Inhalt 4 Abschnitte
Wann entsteht ein Anspruch auf Annahmeverzugslohn?
Nach § 615 Satz 1 BGB behältst Du Deinen Lohn, wenn der Arbeitgeber mit der Annahme Deiner Arbeit in Verzug kommt; nacharbeiten musst Du nicht. Der wichtigste Fall ist die unwirksame Kündigung. Stellt das Arbeitsgericht im Verfahren über die Kündigungsschutzklage fest, dass das Arbeitsverhältnis fortbesteht, schuldet der Arbeitgeber das Gehalt rückwirkend ab Ablauf der Kündigungsfrist. Für den Annahmeverzugslohn ist ein eigenes Arbeitsangebot nicht nötig: Der unwirksam kündigende Arbeitgeber gerät nach ständiger Rechtsprechung ohne Angebot in Verzug (BAG, Urteil vom 12.10.2022, 5 AZR 30/22).
Ein zweiter Fall ist die einseitige Freistellung während der Kündigungsfrist. Voraussetzung bleibt, dass Du leistungsfähig und leistungswillig bist; bist Du außerstande zu arbeiten, etwa arbeitsunfähig krank, tritt kein Verzug ein (§ 297 BGB). Für Krankheitszeiten gilt statt Annahmeverzugslohn dann die Entgeltfortzahlung.
Was wird auf den Annahmeverzugslohn angerechnet?
§ 11 KSchG nennt drei Posten; § 615 Satz 2 BGB erfasst zusätzlich, was Du durch den Ausfall der Arbeit ersparst. Angerechnet wird, was Du anderweitig verdient hast, was Du böswillig zu verdienen unterlassen hast, und öffentlich-rechtliche Leistungen wie Arbeitslosengeld oder Grundsicherung. Die Sozialleistungen erstattet der Arbeitgeber der Stelle, die sie gezahlt hat (§ 11 Satz 2 KSchG). Der Anspruch geht insoweit nach § 115 SGB X auf die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter über.
Böswillig handelt nach dem BAG, wer trotz Kenntnis aller Umstände vorsätzlich untätig bleibt und eine zumutbare Arbeit nicht annimmt (5 AZR 30/22). Für den Annahmeverzugslohn ist eine Gesamtwürdigung maßgeblich. Der Arbeitgeber kann Auskunft über die Vermittlungsvorschläge von Agentur und Jobcenter verlangen (BAG, Urteil vom 27.05.2020, 5 AZR 387/19). Die Arbeitsuchendmeldung ist deshalb auch hier relevant. Während einer Freistellung in der Kündigungsfrist musst Du aber in der Regel keine neue Stelle antreten. Das BAG hat am 12.02.2025 eine Anrechnung abgelehnt, obwohl der Arbeitgeber 43 Stellenangebote geschickt hatte (5 AZR 127/24).
Welche Fristen gelten für den Annahmeverzugslohn?
Achte auf zwei Fallen. Die Kündigungsschutzklage hemmt die Verjährung der Lohnansprüche nicht (BAG, Urteil vom 24.06.2015, 5 AZR 509/13). Die drei Jahre nach §§ 195, 199 BGB laufen also weiter, auch wenn der Prozess lange dauert. Bei langen Verfahren über ein Landesarbeitsgericht kann eine eigene Zahlungsklage nötig werden.
Anders bei Ausschlussfristen: Mit der Bestandsschutzklage machst Du die davon abhängigen Vergütungsansprüche gerichtlich geltend und wahrst die zweite Stufe einer tariflichen Ausschlussfrist (BAG, Urteil vom 19.09.2012, 5 AZR 627/11). Die erste Stufe, oft eine schriftliche Geltendmachung des Annahmeverzugslohns, verlangt der Vertrag gesondert.
Was gilt, wenn Du schon eine neue Stelle hast?
Gewinnst Du den Prozess, bist Du aber inzwischen anderswo beschäftigt, darfst Du binnen einer Woche nach Rechtskraft die Fortsetzung beim alten Arbeitgeber verweigern (§ 12 KSchG). Annahmeverzugslohn gibt es dann nur bis zum Eintritt in das neue Arbeitsverhältnis. Endet das Verfahren mit einem Vergleich vor dem Arbeitsgericht, sollte er die Zahlungen für die Zwischenzeit ausdrücklich regeln.
Das Wichtigste in Kürze
- Grundlage ist § 615 Satz 1 BGB; nach unwirksamer Kündigung braucht es kein Arbeitsangebot (BAG 5 AZR 30/22).
- Angerechnet werden Zwischenverdienst, böswillig unterlassener Erwerb und Sozialleistungen (§ 11 KSchG).
- Der Arbeitgeber darf nach Vermittlungsvorschlägen fragen (BAG 5 AZR 387/19).
- Während einer Freistellung in der Kündigungsfrist musst Du in der Regel keine neue Stelle antreten (BAG 5 AZR 127/24).
- Die Kündigungsschutzklage hemmt die Verjährung nicht (BAG 5 AZR 509/13), wahrt aber die zweite Stufe tariflicher Ausschlussfristen.
Häufige Fragen (11)
Was ist Annahmeverzugslohn?
Annahmeverzugslohn ist die Vergütung für Zeiten, in denen Du arbeiten wolltest und konntest, der Arbeitgeber Deine Arbeit aber nicht angenommen hat. Rechtsgrundlage ist § 615 Satz 1 BGB in Verbindung mit dem Arbeitsvertrag. Am häufigsten geht es um die Monate zwischen dem Ende der Kündigungsfrist und einem Urteil, das die Kündigung für unwirksam erklärt. Du musst die ausgefallene Arbeit nicht nachholen.
Wie wird Annahmeverzugslohn berechnet?
Ausgangspunkt ist die vereinbarte Vergütung, die Du bei Weiterarbeit erhalten hättest (§ 615 Satz 1 BGB). Davon zieht der Arbeitgeber nach § 11 KSchG ab, was Du anderweitig verdient hast, was Du böswillig nicht verdient hast, und gezahlte Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld. Die Sozialleistungen erstattet er der Agentur oder dem Jobcenter. Der Anspruch ist ein Bruttoanspruch; Steuern und Beiträge werden wie beim normalen Lohn abgeführt.
Muss ich mich während des Kündigungsschutzprozesses bewerben?
Untätig bleiben ist beim Annahmeverzugslohn riskant. Wer trotz Kenntnis einer zumutbaren Stelle vorsätzlich nichts tut, muss sich nach § 11 Nr. 2 KSchG den möglichen Verdienst anrechnen lassen. Das BAG verlangt eine Gesamtwürdigung aller Umstände (5 AZR 30/22). Der Arbeitgeber kann Auskunft über Vermittlungsvorschläge der Agentur verlangen (5 AZR 387/19). Eine generelle Pflicht, jede Stelle anzunehmen, gibt es aber nicht; es kommt auf Zumutbarkeit an.
Wird Arbeitslosengeld auf den Annahmeverzugslohn angerechnet?
Das Arbeitslosengeld wird angerechnet. Nach § 11 Nr. 3 KSchG muss sich der Arbeitnehmer Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung, der Grundsicherung oder der Sozialhilfe anrechnen lassen. Der Arbeitgeber zahlt diesen Teil nicht an Dich, sondern erstattet ihn der Stelle, die geleistet hat. Rechtlich geht Dein Lohnanspruch insoweit nach § 115 SGB X auf die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter über. Den Rest des Annahmeverzugslohns erhältst Du direkt.
Muss ich während der Freistellung einen neuen Job suchen?
In der Regel nicht vor Ablauf der Kündigungsfrist. Das Bundesarbeitsgericht hat am 12.02.2025 (5 AZR 127/24) entschieden: Wer ordentlich gekündigt und trotz Beschäftigungsanspruchs freigestellt wird, unterlässt nicht böswillig anderweitigen Verdienst, wenn er nicht schon vor Ende der Kündigungsfrist eine neue Stelle antritt. Im Fall hatte der Arbeitgeber 43 Stellenangebote übersandt; die Anrechnung scheiterte trotzdem.
Wie lange bekommt man Annahmeverzugslohn?
So lange, wie der Annahmeverzug andauert. Er endet, wenn der Arbeitgeber Dich wieder beschäftigt, das Arbeitsverhältnis wirksam endet, etwa durch einen Vergleich oder ein Auflösungsurteil, oder Du nach § 12 KSchG die Fortsetzung verweigerst. In diesem Fall ist der Lohn nur bis zum Eintritt in das neue Arbeitsverhältnis zu zahlen. Bei Arbeitsunfähigkeit tritt nach § 297 BGB kein Verzug ein.
Wann verjährt der Annahmeverzugslohn?
Nach drei Jahren, gerechnet ab dem Ende des Jahres der Fälligkeit (§§ 195, 199 BGB). Die Kündigungsschutzklage hemmt die Verjährung nicht, wie das BAG im Urteil vom 24.06.2015 (5 AZR 509/13) entschieden hat. Bei einem Prozess über mehrere Instanzen kann deshalb eine Zahlungsklage für ältere Monate notwendig werden. Unabhängig davon laufen kürzere vertragliche oder tarifliche Ausschlussfristen.
Wahrt die Kündigungsschutzklage die Ausschlussfrist für den Lohn?
Für die zweite Stufe einer tariflichen Ausschlussfrist ja. Das BAG hat am 19.09.2012 (5 AZR 627/11) entschieden, dass Du mit der Kündigungsschutzklage die vom Ausgang abhängigen Vergütungsansprüche gerichtlich geltend machst. Verlangt die erste Stufe eine schriftliche Geltendmachung, solltest Du diese gesondert erfüllen. Wie die Frist in Deinem Vertrag gestaltet ist, entscheidet über die nötigen Schritte.
Gibt es Annahmeverzugslohn auch nach einer fristlosen Kündigung?
Das hängt von der Wirksamkeit ab: Ist die fristlose Kündigung unwirksam, besteht der Anspruch. Dann befindet sich der Arbeitgeber ab Zugang der Kündigung im Annahmeverzug, denn er hat erklärt, Deine Arbeit nicht mehr anzunehmen. Im Fall BAG 5 AZR 30/22 ging es um eine fristlose, hilfsweise ordentliche Kündigung; der Verzug begann mit Zugang. Angerechnet werden auch hier Zwischenverdienst, Sozialleistungen und böswillig unterlassener Erwerb.
Muss ich Zwischenverdienst aus einem Nebenjob angeben?
Ja, soweit der Verdienst an die Stelle der ausgefallenen Arbeit tritt. Nach § 11 Nr. 1 KSchG wird angerechnet, was Du durch anderweitige Arbeit verdient hast. § 615 Satz 2 BGB knüpft an den Erwerb durch anderweitige Verwendung Deiner Dienste an, also an Arbeit, die durch die freigewordene Zeit möglich wurde. Ob ein schon vorher ausgeübter Nebenjob darunter fällt, hängt vom Einzelfall ab. Unvollständige Angaben können später zu Rückforderungen führen.
Wie mache ich Annahmeverzugslohn geltend?
Zunächst schriftlich gegenüber dem Arbeitgeber, damit vertragliche Ausschlussfristen gewahrt sind. Verweigert er die Zahlung, kannst Du den Lohn zusammen mit der Kündigungsschutzklage oder später gesondert vor dem Arbeitsgericht einklagen. Beziffere die Monate und rechne Sozialleistungen ab. Rechne gezahltes Arbeitslosengeld transparent ab, damit der Arbeitgeber die Erstattung an die Agentur zuordnen kann.
Quellen
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